Auch wenn man jemandem sehr nahe steht, weiß man vermutlich immer noch nicht sehr viel darüber, wie dieser Mensch denkt und fühlt. In einem berühmten Gedicht von Baudelaire geht es genau darum: Ein junger Mann geht mit seiner Liebsten in ein Restaurant. Sie sitzen an einem Tisch am Fenster. Von seiner Liebe zu dieser Frau erfüllt, fühlt er sich ihr so nah, als hätten sie eine Seele, als kenne er jeden ihrer Gedanken und sie jeden der seinigen. In seiner Vorstellung sind sie eins. Als er aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf eine arme bettelnde Frau. In seiner gefühlvollen Stimmung empfindet er tiefes Mitleid für sie; er fließt über vor Mitgefühl. Just in diesem Moment dringt die Stimme seiner Geliebten an sein Ohr: “Ich wünschte wirklich, diese unangenehmen Leute kämen zum Betteln nicht so nah ans Fenster!”
Ihre Übereinstimmung ist plötzlich wie weggeblasen. Trotz seines Empfindens mit ihrer Seele eins zu sein, wusste er nicht wirklich, was sie dachte und empfand. Und sie hatte offenbar ebenso wenig Ahnung von dem, was in ihm vorging. In Wirklichkeit lief ihr Denken und Fühlen die ganze Zeit über in völlig entgegengesetzte Richtungen. Doch kann man sich darin schulen, andere bewusster wahrzunehmen: wie sie fühlen, wie sie reagieren, wie sie auf etwas antworten. Das ist es, worum es bei Gewahrsein für andere geht, oder genauer, dies ist ein Aspekt von Gewahrsein.
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Dem eigenen charakter mehr Größe verleihen.
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Baudelaire und Gewahrsein für andere.
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Dernière mise à jour:
21 juillet, 2008.